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Kommunikation und Konditionierung in der Ausbildung des Pferdes

– Bericht zu einem Kurs eines weltbekannten Stars der Freiheitdressur

von Linda Weritz
Traumhafte Shows in völligem Einverständnis mit dem Pferd – zu schön, um wahr zu sein? Pferdekommunikationswissenschaftlerin und -trainerin Linda Weritz besuchte einen Kurs bei einem der Stars der Szene – und war entsetzt über die Trainingsmethoden. Während ein Magier der Freiheitsdressur zu Unrecht nur positives Feedback bekommt, ist der von Monty Roberts entwickelte Join-Up® in Verruf geraten. Grund genug, sich mit der Frage „Konditionierung oder Kommunikation – was ist wirklich pferdegerecht?“ zu beschäftigen.

In der Rubrik „Meinung“ veröffentlichen wir die persönlichen Ansichten eines Autors zu einem brisanten Thema. Diese müssen nicht mit denen der Redaktion übereinstimmen. Uns interessiert, welchen Standpunkt unsere Leser vertreten. Schreiben Sie uns an claudia.weingand@cadmos-verlag.de oder diskutieren Sie hier unterm Beitrag mit!

 

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Wie frei sind Pferde in der Freiheitsdressur?…Dieses Pferd wirkt eher gestresst als konzentriert. (Foto: Christiane Slawik)

 

Ich liebe es, Kurse mit Pferden zu besuchen, diese Tiere zu erleben und alles über sie zu lernen. Die Liste meiner früheren Lehrer ist lang, die bekanntesten sind Monty Roberts, Charles de Kunffy und Mark Rashid. Ich habe auch von Pferden gelernt, vor allem von den Mustangs, die ich in Kalifornien zähmte und einritt. Seit über zwei Jahrzehnten arbeite ich beruflich mit Pferden. Wenn ich nicht selbst reite oder unterrichte, schreibe, doziere oder sinniere ich über Pferde. Sie bestimmen mein Leben. Da ist es Luxus, im engen Terminkalender noch Kurse zur Pferdeausbildung zu besuchen. Aber als ich die Ankündigung las: „Lernen Sie, wie Ihr Pferd Ihnen vertrauensvoll und in Harmonie überallhin folgt“, wurde ich neugierig. Konnte ich noch etwas Wertvolles lernen?
Was mich nicht interessiert, ist das Erlernen von Zirkustricks – mich sprach einzig die Formulierung „überall vertrauensvoll und in Harmonie folgen“ an. Hier erhoffte ich mir tiefere Einblicke, möglicherweise nur ein winziges Detail in meiner Arbeit, das ich bisher nicht erfasst hatte. Ich weiß, wie ich Pferde motiviere, mir zu folgen, aber „überallhin“ und das „in Harmonie“? Was für eine Welt sich dort auftat!
Zudem begeisterte es mich, vom Meister persönlich zu lernen. Mehrfach hatte ich auf der Equitana seine Auftritte verfolgt und war trotz meiner Ressentiments gegenüber dieser Art der Dressur erfreut von der Leichtigkeit seiner Kunststücke, aber vor allem, dass die Pferde dabei nicht so versteinerte Gesichter machen wie bei anderen Horse- oder Showmanship-Demos.
Los ging es also zu dem weltbekannten Star der Freiheitsdressur! Ein Mann, der bescheiden auftritt, dabei aber eine große Präsenz und Ausstrahlung besitzt. Ich zähle 37 Zuhörerinnen, als er mit der theoretischen Einführung beginnt. Er spricht mir aus der Seele, als er sagt, dass Pferde es nicht mögen, wenn Menschen viel und vor allem laut mit ihnen reden. Er fordert, dass man sich beim Pferdetraining auf die Körpersprache konzentrieren soll. Das unterschreibe ich hundertprozentig! Ruhe, Konsequenz, Gerechtigkeit und Liebe als generelle Motivation proklamiert er als die Grundpfeiler seines Modells. Mein Herz zum Schmelzen bringt er, als er fordert, die Pferde in schwierigen Situationen zu lieben. Als Ziel formuliert er die Gehorsamkeit des Pferdes als Freund. Das finde ich wirklich schön!

Dumm und dominant?

Weiterhin erfahren wir, dass er meint, Pferde seien keine intelligenten Tiere, da alle Tiere, die kein Fleisch fressen, dumm sind und der Mensch daher das Pferd natürlicherweise dominiert. Auch das Leben des Pferdes ist nur durch Dominanz bestimmt, denn der Herdenchef kümmert sich nicht um Futter oder Streicheln seiner untergebenen Herdenmitglieder, und eine Stute erzieht ihr Fohlen vorrangig durch Beißen. Er meint, Menschen reden und Pferde treten, daher ist es völlig in Ordnung, das Pferd durch emotionslose Strafen zu erziehen.
Die erste Übung soll quasi eine gegenseitige Begrüßung darstellen. Hier ist das natürliche Ziel des Menschen, eine freundliche Kommunikation herzustellen. Dem Pferd geht es hingegen seiner Meinung nach nur darum, herauszufinden, wer der Stärkere ist. Es ist eine natürliche Absicherung für das Pferd, auszumachen, wer für das gemeinsame Überleben verantwortlich ist. Er glaubt, dass jedes Pferd versucht, den höchsten Platz in der Herde zu erreichen. In der Herde regiere das Treten und Beißen, weil alle Tiere in einer möglichst ranghohen Position sein wollen.
Für ihn sind Menschen im Umgang mit Pferden viel zu emotional und vermenschlichen sie zu sehr. Er meint, der Mensch soll das Pferd dominieren. Das erreicht er durch Disziplinierung, wobei die Qualität der unangenehmen Einwirkung auf einer ansteigenden Skala von 1 bis 10 gestaffelt sein soll. Es wird mit der Gerte touchiert und jeder Schlag trifft das Pferd härter als der vorherige. Die Schläge folgen direkt aufeinander, so wird das Pferd für den Gehorsam sensibilisiert, findet er. Ein „einfaches“ Touchieren oder das Einräumen einer gewissen Reaktionszeit, für die ich mich in meinen Trainings ausspreche, gibt es nicht.
Das Touchieren hat immer als Crescendo und ohne Emotionalität seitens des Menschen zu erfolgen. Diese Übung hat zum Ziel, dass das Pferd immer frontal zum Menschen steht, also keine seiner beiden Flanken sichtbar ist, diese werden sonst crescendoartig touchiert. Vorn darf es den Menschen keinesfalls berühren, sonst wird es mit dem Gertenknauf auf dem Gesichtsknochen crescendoartig touchiert. Dies wird von ihm sogar absichtlich herbeigeführt und er erklärt, dass es eine große Respektlosigkeit des Pferdes ist, wenn es den Menschen von sich aus berührt.
Ich denke: Pferde sind so gefühlvolle Geschöpfe. Friedvolle Synchronizität und Eintracht ist ihr Ziel im Umgang mit Mitgeschöpfen. Wenn ein Pferd uns seine Zuneigung bekunden möchte, berührt es uns mit seinem Maul sanft oder bläst uns seinen Atem ins Gesicht. Diese Momente sind Geschenke, die man innerlich und äußerlich ruhig und dankbar annehmen sollte. Pferde sind außergewöhnlich empathische Wesen, die bei anderen Lebewesen ebenfalls nach dieser Eigenschaft Ausschau halten. Ein passiver Weg dazu ist, einem anderen Pferd seine Seite zu präsentieren und es damit einzuladen, seinen persönlichen Bereich zu betreten.
Der „Meister der Magie“ hält die Pferde am sehr kurzen Strick und fast ständig in seiner unmittelbaren Individualdistanz. Kommen sie für ihn gefühlt zu nah, erfolgt das strafende Crescendo mit dem Gertenknauf auf den Gesichtsknochen. Die Pferde müssen extrem genau aufpassen, sonst tut es unweigerlich vorn oder hinten richtig weh. Zugutehalten muss ich ihm, dass er die Disziplinierung emotionslos erfolgen lässt und ein sehr gutes Timing hat.
Der Mensch steht sehr dicht frontal vor dem Pferd und geht auf einem Kreis in Richtung Flanke. Das Pferd soll mit der Vorhand dem Kreis folgen, die Hinterhand soll stehen bleiben. Folgt es nicht, touchiert man die Flanke, lässt das Pferd wieder anhalten und beginnt die Übung neu.
Überholt es, touchiert man die Nase. Folgt die Vorhand auf die kleinste Bewegung und verlagert das Pferd das Gewicht auf die stehende Hinterhand, kommt die nächste Stufe: Während man geht, legt man gleichzeitig die Gerte auf der Seite an, in die das Pferd laufen soll. So lernt es, der Gerte zu folgen. Tritt es nicht sogleich an, wird es wieder mit schnellen Schlägen auf die Schulter diszipliniert. So wird auch das Antraben, während der Meister rückwärtsläuft, erarbeitet.
Nun habe ich einen Eindruck der besagten Magie, die oft im Zusammenhang mit dem Namen dieses Meisters in Zusammenhang gebracht wird. Diese resultiert schlicht aus negativer Verstärkung und positiver Disziplinierung, also Konditionierung, lerntheoretisch gesprochen. Um auf die Entfernung hin sicher und verlässlich zu reagieren, braucht er Pferde, die sich zuverlässig dirigieren lassen und ohne eigene Ideen, aber mit absolutem Gehorsam seinen Gerteneinwirkungen folgen. Lob in Form von Streicheln oder gar Futterbelohnung haben die Pferde nicht zu erwarten. Einzig angenehm ist nur die Pause zwischen dem ständigen Ausweichen oder An-die-Gerte-Herantreten. Dazu senkt der Meister die Gertenspitze auf den Boden, und in diesem Moment wissen die Pferde, dass sie einen Augenblick Ruhe haben.

 

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Pferdegerechtes Training ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch des Einfühlungsvermögens und der Kommunikation. (Foto: Christiane Slawik)

 

Zurückgelegte Ohren als Zeichen der Konzentration?

Sogleich geht er – gespannt wie ein Raubtier –, auf die Flanke des Pferdes schauend, seitlich um das Pferd herum. Der hübsche Freiberger hat sich tatsächlich kurz zu sehr entspannt, nicht synchron zu den Bewegungen des Meisters reagiert und kassiert als Antwort einen Crescendohagel auf seine Flanke. Sein Blick ist in der kurzen Zeit, die mit ihm gearbeitet wird, immer missmutiger geworden. Um das zu erkennen, braucht man keine auf Pferde spezialisierte Kommunikationswissenschaftlerin zu sein. Der Gesichtsausdruck des Pferdes weist typische Merkmale von Angst und Schmerz auf. Die Augen bekommen einen besorgt verschreckten, nach innen gerichteten Ausdruck. Das Ohrenspiel ist eingestellt, die Ohren sind in einer nach seitlich-hinten-unten gerichteten Position fixiert, Ausdruck von Unsicherheit und Angst und von der Orientierung nach hinten, weg vom Trainer. Die Oberlippe ist teilweise angespannt und vorgeschoben, und die Unterlippe so eingezogen und angespannt, dass ein sichtbares Kinn entsteht. Zu dem Zurücklegen der Ohren las ich kürzlich eine scheinbar plausible Erklärung: Die angelegten Ohren des Pferdes bei der Freiarbeit oder ihrer Erarbeitung sind ein Zeichen der Konzentration. Andere Trainer sehen angelegte Ohren als Drohgebärde, die entsprechend diszipliniert werden muss, bis das Pferd wieder freundlicher gestimmt die Arbeit annimmt. Korrekt ist: Pferdeohren zeigen, wo sich die Aufmerksamkeit des Pferdes hinbewegt. Gleichzeitig sind sie ein Indikator für die Gestimmtheit des Pferdes. Bei meiner Tätigkeit mit ehemals frei lebenden Mustangs sah ich zuweilen, dass Ohren auch schon mal ganz oder teilweise fehlen oder zerschlissen sind, vor allem bei Hengsten, die Rangordnungskämpfe um einen ganzen Harem führen. Nur in diesem besonderen Fall kann es schon mal „richtig zur Sache“ gehen. Pferde legen ihre Ohren also an den Kopf, um sie zu schützen. Dabei ist der Grad des Zurücklegens (bis flach an den Kopf) proportional zur Intensität der defensiven oder aggressiven Gestimmtheit des Pferdes. Er wird ebenfalls vom restlichen Gesichtsausdruck und der Körperhaltung und -spannung mitbestimmt. Emotionen wechseln zuweilen rasch und damit auch Mimik und Ohrstellung.
Was ich persönlich in der Verbindung mit Pferden suche und bereitwillig geben möchte, ist eine tiefe Vertrautheit, basierend auf dem Gebrauch der arteigenen, nonverbalen Zeichen des Pferdes. Hierzu gehört zunächst, die Kommunikation des Pferdes in ihrer besonderen Spezifik genau zu kennen, umfassend wahrzunehmen und fehlerfrei interpretieren zu können. Im nächsten Schritt muss ich die Antworten geben können, die das Pferd empfangen muss, um vertrauensvoll, ruhig und zuversichtlich gestimmt die folgenden Schritte des von mir gewünschten Verhaltens zeigen zu können. Daraufhin bestärke bzw. lobe ich das Pferd wieder so, wie es gelobt werden möchte, so, dass die Verstärkung als solche auch ankommt, und nicht, wie es leider viele Besitzer oder Trainer tun, als reine Formsache. Es bringt nichts, der Pflicht zu loben nachzukommen, gleichgültig ob das Lob das spezielle Pferd auch tatsächlich erreicht. Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Die Essenz meiner Arbeit und Herzstück meiner persönlichen und beruflichen Erfüllung ist, dieses Wissen variabel auf unterschiedliche Pferdetypen und -persönlichkeiten anwenden zu können, damit schnelle und nachhaltige verhaltenstherapeutische Veränderungen eintreten können.

Join-Up – zu Unrecht verteufelte Kommunikationsmöglichkeit

Nach meinem Studium und Arbeiten über Wölfe, Hunde und höheren Primaten zu kommunikationswissenschaftlichen Themen habe ich mit Empfehlungsschreiben meiner Professoren Monty Roberts in Kalifornien aufgesucht, um mehr über die genuine Kommunikation des Pferdes zu erfahren. Hier habe ich mir das Join-Up mit Pferden und Hirschen genau zeigen lassen und es selbst viele Male praktiziert. Ich selbst unterrichte heute eine abgewandelte Art dieser „Grundform“, die etwas spezifischer auf das individuelle Pferd eingeht, dafür aber für den Menschen noch schwieriger zu erlernen ist. Das kann ich mir leisten, weil ich Menschen, die diese genuine Kommunikation des Pferdes lernen möchten, über ein Jahr begleite und wir stets sehr viele Pferde zur Verfügung haben, die den Prozess nicht über Konditionierung (erlerntes Verhalten) „abspulen“, sondern die kommunikativen Zeichen als Ausdruck ihrer Persönlichkeit in einer spezifischen Reihenfolge und Intensität zeigen. Entsprechend kann der Mensch antworten.
Als spezifische pferdepsychologische Grundlage dieses Gesprächs nehmen wir an, dass es im Instinkt des Pferdes verankert ist, entweder zu folgen oder seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Dies war und ist in der Entwicklungsgeschichte des Pferdes überlebenswichtig. Situativ wird entschieden, ob das Gegenüber authentisch ist und sein Ziel kennt. Nur dann ist es als Leittier vertrauenswürdig und die anderen Pferde werden ihm folgen. Das Verhalten des Pferdes ist immer authentisch, das Tier kann nicht lügen. Deshalb wird ein Pferd einer Person jederzeit eine Rückmeldung bezüglich seiner Position in der individuellen Zweierbeziehung von Mensch und Pferd geben.
Meine wichtigsten Erkenntnisse zum freien Arbeiten mit Pferden: Wenn man nicht in der Lage ist, das Pferd mit Zaumzeug oder anderen Hilfsmitteln zu kontrollieren, muss man anderweitig den Wunsch im Pferd erwecken, eine innige und stabile Verbindung zu uns aufzubauen. Wenn man eine Beziehung zu einem Pferd, die auf Kommunikation und nicht auf Konditionierung beruht, in einem freien Umfeld entwickeln möchte, muss diese zwingend auf der Grundlage von Empathie geschehen. Der Schwerpunkt liegt also für mich darin, so mit dem Pferd zu kommunizieren, dass es sich mir anschließen möchte und nicht muss.
Ich beobachte und lese das Pferd, während ich mit ihm zusammen bin, und schätze seine Reaktionen auf mich und unser gemeinsames Umfeld ein. Im Longierzirkel lasse ich es frei und suggeriere ihm durch meine Körpersprache und Mimik, dass es sich entfernen kann. Mein Ziel ist es, dass das Pferd in rhythmischen, flüssigen Bewegungen unterwegs ist, und ich halte Ausschau nach seinen kommunikativen Zeichen, die ich sofort beantworte. Ich möchte, dass es sich gesehen und verstanden fühlt. Es soll erleben, dass es sich lohnt, sich mit mir „zu unterhalten“. So lasse ich das Pferd im Trab und Schritt, manchmal auch im Galopp, auf jeder Hand einige Runden auf dem äußeren Hufschlag des Longierzirkels laufen, während wir unseren Dialog fortsetzen, bis ich das Pferd schlussendlich einlade, sich mir anzuschließen und ihm die Einladung zu dieser Entscheidung körpersprachlich vermittle. Es ist ein sehr emotionaler Augenblick, wenn das Pferd sich dafür entscheidet, mich zu akzeptieren und sich mir anzuschließen. Ich belohne das Pferd, wenn es sich mir anschließt.
Das Pferd verifiziert quasi den Vertrag, indem es mir freiwillig folgt. Es hat mich als „Leittier und Schutzzone“ angenommen. Und es ist ein großartiges Gefühl, dieses Vertrauen entgegengebracht zu bekommen. Durch das unmittelbar adäquate, also der Situation und der individuellen Persönlichkeit angepasste Beantworten der kommunikativen Zeichen des Pferdes entsteht eine Freiwilligkeit und positive (hier: angenehme Konsequenzen erwartende) Grundhaltung des Pferdes mir gegenüber. Dies ist eine wertvolle, unabdingbare Grundvoraussetzung für mich für jede weitere Arbeit und gemeinsam verbrachte Zeit. Selbstverständlich möchte ich weiterhin die feinen nonverbalen Zeichen des Pferdes situativ angemessen beantworten und somit das Vertrauen des Pferdes in mich und unsere gemeinsame kommunikative Basis bestärken.
Der Join-Up (ich beziehe mich hier nur auf den Prozess des Join-Up, nicht das „Full Join-Up“, den Prozess des Anreitens) von Monty Roberts, hat einige Kritiker auf den Plan gerufen. Was viele nicht wissen: Das Join-Up soll in einem Pferdeleben höchstens fünf Mal erfolgen und dauert keine fünf Minuten! Es ist kein ewiges Herumscheuchen und „Müdemachen“, wie es oft bezeichnet wird, und ist einem Gespräch gleichzusetzen, in dem das Verhältnis geklärt wird, und eben keine Konditionierung, an deren Ende immer das Folgen des Pferdes stehen muss. Die Aussage des Pferdes, dass es nicht folgen möchte, ist ein veritables Statement und sollte als solches gewürdigt werden. Beherrscht der Mensch die Kommunikation des Pferdes und seinen eigenen Körper so weit, dass er ein kommunikatives Zeichen des Pferdes nach dessen Wahrnehmung sofort beantworten kann, hat das Pferd einen sofortigen Anhaltspunkt, dass es um eine gemeinsame Verständigung geht.
Es wird kritisiert, dass das Pferd mit viel Druck fortgeschickt wird und nicht weiß, wofür es „bestraft“ wird. Beim Join-Up soll das Fortschicken des Pferdes zwar unmissverständlich, aber trotzdem so sanft wie möglich erfolgen. Es ist dem natürlichen Herdenverhalten entlehnt und von daher, entgegen der Meinung einiger Kritiker, nicht etwas Unnatürliches, das das Pferd nicht versteht und es im schlimmsten Fall traumatisiert, sondern kann und wird als Trainingsakt (wie die ersten Longiereinheiten) angesehen. In einer intakten Herde trainiert der Hengst seine Nachkommen ebenfalls mittels Sprints und Kampfspielen. Diesen Trainings gehen keine langen Verhandlungen oder besonderen Einladungszeremonien voraus. Wichtig ist, das Pferd nicht zu hetzen. Das Ziel sind rhythmische, flüssige Bewegungen, die möglichst gymnastizierend wirken. Hierzu hat eine bekannte Pferdezeitung, die aus anderen Gründen einen Prozess mit Monty führte, eine Einzelstudie durchgeführt, bei der ein Pferd 45 Minuten lang von einem Reitlehrer mit Longierpeitsche in einem Round Pen herumgescheucht wurde. Dabei wurde festgestellt, dass dies psychischer Missbrauch des Pferdes ist. Herumscheuchen ist aber kein Join-Up, wobei beim Join-Up eine generelle Fluchtdistanz des Pferdes vorausgesetzt wird, bevor es beginnt zu kommunizieren. Diese beträgt in etwa zehn bis fünfzehn Runden im Longierzirkel, also etwa ein bis drei Minuten. In der von mir gelehrten Vertrauensarbeit gibt es diese Fluchtdistanz nicht, da die meisten Pferde viel eher mit der Kommunikation beginnen und eine panische Flucht über zehn Runden von daher überhaupt nicht stattfindet. Da das Pferd also fast unmittelbar kommunikative Zeichen aussendet, beginnt die Konversation augenblicklich, und damit bekommt das Pferd eine sofortige unmittelbare Rückmeldung, die ihm zeigt, dass es die Situation durch sein Verhalten kontrollieren kann und ihr keineswegs ausgeliefert ist. Wenn das Pferd normal longiert oder frei bewegt wird, sendet es exakt die gleichen Zeichen aus wie in der Vertrauensarbeit. In diesen Situationen werden die Zeichen aber nicht beantwortet, weil sie zumeist noch nicht einmal als solche registriert werden. Dazu muss man auch erst mal wissen, wie diese Zeichen vom Menschen zu beantworten sind. Logisch argumentiert, erreicht ein Pferd beim Longieren also eher den mentalen Status einer erlernten Hilflosigkeit, weil seine kommunikativen Appelle beim menschlichen Gegenüber vollkommen ungehört verhallen, stattdessen nur die Konditionierung durch die optischen und akustischen Zeichen des Menschen erfolgt und das Pferd in dieser Angelegenheit „überhaupt nichts zu sagen hat“.

 

Ist ausschließlich negative Verstärkung ein Problem?

Zurück zum Star der Freiheitsdressur: Ein Teil der Teilnehmerinnen ist abgereist, ein Impuls, dem ich ebenfalls gern gefolgt wäre, hätte ich nicht auch eine große wissenschaftliche Neugier in mir, die dem weiteren Training gebannt folgt. Der Meister bringt seine Schülerinnen dazu, die Übungen über Stunden ohne Pause durchzuführen, bis auch das letzte Pferd demotiviert ist und sich, nur um den Stakkatoschmerzen zu entgehen, mechanisch und roboterhaft wegbewegt. Eine Frau trainiert bereits seit drei Stunden, und ich spreche sie mit flötender Stimme an, ob sie ihrem Pferd und sich mal eine Pause gönnen möchte. Nein, sagt sie, sie selbst weiß besser, was gut für ihr Pferd ist.
Das Ausbleiben jeglicher Belohnung scheint für viele kein Problem zu sein. Ich frage mich, ob sie denken, dass ihre Anwesenheit allein ausreichend als Motivation für ihr Pferd ist, stundenlang trainiert zu werden. Weil uns die Pferde um unserer selbst willen lieben, sodass es ihr größtes Bestreben ist, uns zu gefallen. Das ist ein theoretisch verständlicher Wunsch, aber verhaltensbiologisch muss eine Verhaltensänderung oder -anpassung für das Pferd irgendwelche Vorteile bringen. Selbst wenn man mit Leckerli oder Click arbeiten würde, sehe ich für die Pferde wenig Qualität in diesen Aufgaben. Pferde, die wie Pudel für Zirkusnummern trainiert werden, verlieren aus meiner Sicht ihre Würde. Pferde, die in einer Freiheitsdressur vorgestellt werden, sind oft die unfreiesten Pferde überhaupt. Angenehmer ist es natürlich, für das nächste Leckerchen oder den Click zu arbeiten, als einem Gertenstakkato zu entgehen, aber Pferde sind Lauftiere, von denen die meistens sowieso schon viel zu wenig Bewegung haben und daher wesentlich besser bei einem Ausritt aufgehoben wären.
Später erklärt sich mir, warum die Beziehung des Meisters zu seinen Pferden oft als magisch bezeichnet wird. Er hat vier Stuten und ein Shetlandpony dabei, außerdem die Saugfohlen der Stuten. Mein Erstaunen ist groß, als er mit jedem der Fohlen einzeln arbeitet und diese bereits Übungen „frei“ absolvieren. Zusammen können sich die Fohlen schon nebeneinanderstellen und auf dem Zirkel gehen. Das haben sie bereits an der Seite ihrer Mutter geübt. Und schnell wird klar, warum diese Pferde nicht so sehr den Eindruck von erlernter Hilflosigkeit machen. Sie haben überhaupt kein Leben ohne Arbeit und mit Belohnung kennengelernt. Sie sind von Geburt an an der Seite ihrer Mutter auf die späteren Übungen konditioniert worden und erfahren dies als totale Normalität. Auch bei den Fohlen wird mit dem Einsatz des Stocks und der langen Peitsche nicht gegeizt. Stehen sie nicht ordentlich in der Reihe oder wollen sich selbstständig machen, gibt’s einen Stockklaps auf den Kopf. Der Meister ist die ganze Zeit konzentriert, er straft emotionslos, aber er muss viel und oft strafen, denn die Mutterstuten sehen offensichtlich keine Qualität darin, nebeneinander das Kompliment zu zeigen.
Ist es nun ein Problem, wenn man mit seinem Pferd im Grunde nur mit negativer Verstärkung und Strafe (positiver Disziplinierung) arbeitet? Ja! Das Pferd assoziiert uns umgehend mit der unangenehmen Erfahrung des Bestraftwerdens und wird uns in Zukunft lieber meiden wollen. Weiterhin kann es sich als Gewohnheitstier an Strafe gewöhnen, und der auftretende Hormoncocktail, der zunächst schmerzlindernd wirkt, kann infolge der Gewöhnung selbst zum Verstärker werden. Das Pferd reagiert dann nicht mehr zuverlässig und man muss den Strafreiz erhöhen, eine unschöne Vorstellung. Der Strafende wird enthemmter, weil er vergisst, alternative Strategien für seine Ziele zu entwickeln, weil Strafen einfach und von jedem anwendbar ist. Man kann dabei auch eigene Frustrationen abbauen, was wiederum eine Belohnung für das Strafen ist und damit das Verhalten beim Strafenden selbst immer stärker festigt.
Allerdings sind Strafen wohl kaum das geeignete Mittel für einen so wunderbaren Freizeitpartner wie unser Pferd. Ein Tier, das sich uns nicht ausgesucht hat, sich aber vertrauensvoll in unsere Hände begibt und in der ihm fremden Welt zurecht Hilfe anstatt Schläge erwarten darf.
Wenn man Trainingsmethoden beobachtet, bei denen Pferde eine versteinerte Gesichtsmimik haben, die Ohren starr nach seitlich hinten gerichtet, der Blick teilweise leer, ist dies kein „Konzentrations-“ und schon gar kein „Spielgesicht“. Diese Mimik kommt durch verschiedene Elemente der Übertreibung zustande. „Verspielte“ Pferde machen die Augen ganz groß und rollen sie herum, und das Ohrenspiel ist lebhaft.

 

Fazit

Was habe ich nun gelernt? Die Magie des Meisters mit seinen Pferden basiert auf frühkindlicher Arbeit und lernpsychologisch gesprochen auf negativer Verstärkung und positiver Disziplinierung. Die Show steht im Vordergrund, nicht die Pferde, und schon gar keine Freiheit.
Für mich steht aber die Beziehung zum Pferd an erster Stelle, egal ob beruflich oder privat. Ich finde es in Ordnung, Fohlen auf ihr späteres Leben vorzubereiten und sich mit ihnen zu beschäftigen, aber ich würde dies für die Pferde und mich gern in einem angenehmeren Rahmen halten. Ich habe auch gelernt, dass ich ein fünfminütiges „Join-Up-Gespräch“ wesentlich pferdegerechter finde als stundenlanges Konditionieren darauf, dass das Pferd eine bestimmte Position einhält. Und ich möchte, dass sich meine Pferde in einem viel weiteren Rahmen ausdrücken. Nachdem ich weiß, wie solche Freiheitsdressuren zustande kommen können, werde ich mir keine mehr ansehen.
Stattdessen schaue ich mir, genauso wie einst als Kind, gerne an, wie Pferde frei galoppieren, ihre Bewegungslust ausdrücken und dabei die Weide zur Bühne und ich zum atemlos begeisterten Zuschauer werde. Freie Pferde – für mich die pure Magie!
Intelligentes, pferdegerechtes Training kommt nicht ohne Konditionierung aus, egal ob positiv oder negativ. Positiv und negativ werden in der Lerntheorie mathematisch verwendet und nicht als Synonyme für angenehm oder unangenehm im Sinne des Pferdes. Um Pferde in unserer künstlichen Welt sinnvoll ausbilden zu können, ist das Ausüben und Nachlassen von Druck unerlässlich. Kein Pferd kann nur mittels angenehmer Konsequenzen trainiert werden, auch nicht in der Herde. Trotzdem können 100 % der durch Menschen verwendeten Hilfen feiner und präziser erfolgen.
Bei der Kommunikation herrscht die Devise: „Du, Pferd, musst meine Sprache lernen.“ Die wenigsten Pferdeleute können equine Kommunikation fehlerfrei lesen und beantworten. Das ist nicht nur schade, sondern unverständlich, da es jeder theoretisch lernen wollen sollte, denn es ist kein Ausdruck von Liebe und Empathie, einem geliebten Lebewesen nur die eigene Sprache als gemeinsames Kommunikationsmittel zuzumuten. Pferdeausbildung hat militärische Wurzeln, die zweckmäßig und richtig sind, aber nicht in allen Bereichen den neuesten Erkenntnissen equiner Psychologie und Kommunikation entsprechen. Hier gilt es zukünftig, logisch vorausschauend, ausgerüstet mit fundierten Kenntnissen der Lerntheorie und Kommunikation sowie natürlich langfristig erprobter Ausbildungsschritte, zum Pferd zu gehen. Ich meine: Richtig kommunizieren und reiten sind die Grundpfeiler der Harmonie mit dem Pferd.

 

Linda Weritz M. A. ist Kommunikationswissenschaftlerin und Psychologin, spezialisiert auf Pferde. 1998 lernte sie Monty Roberts in Kalifornien kennen und beschäftigt sich seitdem mit der Ausbildung und Korrektur problematischer Pferde. Seit 2006 leitet sie die Hippologische Akademie mit Sitz in Düsseldorf und bildet Pferdeverhaltenstherapeuten aus.

 

 

Category: Besondere Themen

Comments (1)

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  1. Britta Riepen sagt:

    Vielen Dank, Frau Weritz, für Ihren interessanten, aufschlussreichen und ausführlichen Bericht. Einen ähnlichen Kursbericht habe ich schon einmal an anderer Stelle gelesen. Ich kann mir daher denken, um welchen „Großen der Freiheitsdressur “ es sich hierbei handelt.
    Diese beschriebene Art mit dem mir anvertrauten Tier zu „arbeiten“ lehne ich ab, genau so, wie ich das Reiten in Rollkur ablehne. Das Pferd mit seinem Drang, dem Menschen zu gefallen und mit seiner Friedfertigkeit, die es von Natur aus hat, verdient eine solche Behandlung m.E. nicht. Wenn man mit dem Pferd „arbeitet“ sollte es keine Angst davor haben müssen, etwas falsch zu machen. Ich halte es da mit einem „Großen“ der Dressur: Wenn das Pferd etwas nicht versteht, bringt es nichts, die Hilfe zu verstärken oder zu strafen, davon versteht es die Sache nicht besser. Ich muss es eben noch einmal, möglicherweise in abgewandelter Form und langsamer erklären. Pferde sollten keine Angst davor haben müssen, etwas falsch zu machen. Ein Pferd, welches mit der beschriebenen Methode ausgebildet wird, „funktioniert“ zwar hervorragend, wird möglicherweise aber nie eigene „Vorschläge“ in das Training mit einbringen wollen und wird möglicherweise niemals das Strahlen in den Augen zeigen, wenn es etwas anbieten durfte, was angenommen und für gut befunden wurde. Ich persönlich möchte mit meinem Pferd auf der Grundlage von Freude und Inspiration arbeiten und daraus folgt, dass mein Pferd (in gewissem Rahmen) auch eigene Vorschläge machen darf. Das wurde bislang noch nie ausgenutzt! Im Gegenteil. Durch diese Vorschläge hat sich mein Pferd viele schöne Dinge quasi selbst beigebracht, denn ich habe sie gelobt und verstärkt. Dinge, die mir nicht gefallen, ignoriere ich einfach und sie haben dann für ihn keinen Erfolgswert und er unterlässt sie dann sehr schnell. Mein Pferd soll die Beschäftigung mit mir als Bereicherung seines Alltags ansehen. Klar, das bei meiner Art möglicherweise die punktuelle Abrufbarkeit mancher Übungen mal „auf der Strecke “ bleibt aber das ist es mir wert. Wenn ich einen Soldaten brauche, der die Befehle punkt genau ausführt dann bin ich wohl besser woanders aufgehoben. Aber so habe ich ein Pferd, welches gerne „mitarbeitet“ und gerne lernt und immer bereits ist für Neues.
    Noch etwas: ich halte Pferde für sehr intelligent, ich staune oft darüber wie sehr mein Pferd mitdenkt und mir entgegenkommt, mir kleine Geschenke macht- so als könne es Gedanken lesen und Aufgaben auch selbständig löst – wenn ich es lasse und ihm zu verstehen gebe, das dies durchaus gewollt ist. Das hat auch schon mein erstes Pferd getan. Mein Fazit: so eine Show hat für mich mit Magie leider nichts zu tun.

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