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Warum Pferde nicht über den Rücken gehen

4. März 2015 | By | Reply More
Interview mit Desmond O’Brien
Leseprobe aus Feine Hilfen, Ausgabe 4
Häufig sind unpassende Sättel schuld, wenn Pferde nicht über den Rücken gehen. "Gerade Reiterinnen lassen sich ungern einen 17-Zoll-Sattel verkaufen, wenn sie bisher immer in einem 16-Zoller geritten sind", sagt Desmond O´Brien. (Foto: Shutterstock.com)

Häufig sind unpassende Sättel schuld, wenn Pferde nicht über den Rücken gehen. “Gerade Reiterinnen lassen sich ungern einen 17-Zoll-Sattel verkaufen, wenn sie bisher immer in einem 16-Zoller geritten sind”, sagt Desmond O´Brien. (Foto: Shutterstock.com)

Reiter sind gut darin, Gründe zu finden, warum ihr Pferd nicht über den Rücken geht. Oft wird ein schwieriges Exterieur oder ein hektisches Temperament vorgeschoben. Desmond O´Brien, Sattlermeister und ehemaliger Eleve an der Wiener Hofreitschule, weiß: Meist liegt es am mangelnden Können des Reiters oder des Sattlers, wenn das Pferd den Rücken nicht loslässt.

Feine Hilfen: Woran liegt es, wenn Pferde nicht über den Rücken gehen?
Desmond O’Brien: In den allermeisten Fällen ist meiner Erfahrung nach reiterliches Unvermögen das Problem. Wenn der Reiter gut ist, bekommt er viele Pferde relativ schnell locker. Natürlich kann es auch sein, dass das Pferd körperliche Schwierigkeiten hat. Das muss dann ein Tierarzt oder Physiotherapeut herausfinden. Dieser Fall ist aber in der Praxis gar nicht so häufig.
Feine Hilfen:  Schwacher Rücken, kurzer Rücken, Senkrücken – welchen Einfluss hat das Exterieur des Pferdes darauf, ob es mit schwingender Oberlinie geht?
Desmond O’Brien: Einen geringen. Nur wenn das Pferd überbaut ist oder einen Senkrücken hat, kann es Probleme geben. Die betreffen aber eher den Sattler. Beispiel Senkrücken: Die Hengste der Wiener Hofreitschule werden mit 22 oder 23 Jahren noch täglich trainiert. Obwohl sie ihr Leben lang gut geritten wurden, lässt in diesem Alter die Spannung im Rücken nach, ein Senkrücken entsteht. Das ist kein Problem, nur muss der Sattler die Sättel entsprechend umpolstern. Die Hengste können dann prima über den Rücken gehen, bis sie mit 25 pensioniert werden. Dann werden die Kissen wieder umgepolstert und die Sättel an die jungen Pferde weitergegeben.
Auch mit überbauten Pferden ist gutes dressurmäßiges Reiten möglich. Viele Leute denken, dass stark überbaute Pferde nicht piaffieren können oder sich schlechter setzen. Das ist aber alles machbar, wenn das Pferd richtig trainiert wird. Wenn ein überbautes Pferd richtig piaffiert, sehen Sie gar nicht, dass es überbaut ist.
Feine Hilfen: Vorausgesetzt, der Sattel sitzt richtig?
O’Brien: Genau. Bei überbauten Pferden oder solchen mit sehr kurzem Rücken verwende ich meist französische Kissen. Sie sind kürzer als die deutschen und liegen nicht so weit hinten auf dem Rücken auf. Übrigens ist es nicht nur wichtig, dass der Sattel dem Pferd passt. Er muss auch dem Reiter passen.
Feine Hilfen: Weil es für ihn angenehm ist oder hat auch das Pferd etwas davon?
O’Brien: Das nützt tatsächlich beiden. Wenn der Sattel dem Reiter zu klein ist, leidet auch das Pferd darunter. Nehmen wir den Extremfall: Ein überbautes Pferd trägt einen Sattel mit (weit hinten herausragenden) deutschem Sattelkissen. Der Sattel ist zu klein für das Gesäß des Reiters, deshalb sitzt er zu weit hinten ein. Nun funktioniert der Sattelbaum wie ein Hebel gegen den Rücken und der Reiter drückt mit seinem Gewicht darauf. Der Druck auf den Pferderücken ist deutlich größer, als wenn der Sattel beiden passen würde. Will das Pferd den Rücken aufwölben, muss es viel mehr Kraft aufwenden. (Oft liegt der Sattel durch die deutschen Kissen auch noch zu weit hinten auf und blockiert die hinteren Brustwirbel.) Durch das deutsche Kissen ist die Auflage am Pferderücken länger, das Wölben fällt dem Pferd schwerer. Der 15. Brustwirbel kann sich am höchsten wölben, manche Sättel liegen aber sogar noch auf dem 18. Der Rücken schwingt ja in der Bewegung auf und ab, wenn er so losgelassen ist, wie wir es uns wünschen. Beim Abwölben drückt ein weit hinten aufliegender Sattel aber in die Nierengegend. Das Pferd hält fest und wölbt den Rücken nicht mehr auf. Tut es das doch, muss es gegen den Widerstand des Reitersitzes ankämpfen. Es strengt sich an und verkrampft. So wird lockeres Über-den-Rücken-Gehen fast unmöglich.
Dieses Problem der zu kleinen Sitzfläche ist übrigens häufig. Gerade Reiterinnen lassen sich ungern einen 17-Zoll-Sattel verkaufen, wenn sie bisher immer in einem 16-Zoller geritten sind. Und der Verkäufer traut sich nicht zu sagen, dass das Gesäß eben etwas barocker ist als früher und eine größere Sitzfläche braucht.
Feine Hilfen: Angenommen, der Sattel passt. Gibt es häufige Sitzfehler, die das Pferd am Loslassen hindern?
O’Brien: Einige. Der häufigste wird noch immer gern in deutschen Reitschulen gelehrt. Der Reitschüler soll beim Leichttraben senkrecht aufstehen. Das ist Quatsch. Das Pferd bewegt sich ja vorwärts und der Reiter trifft beim Einsitzen zwangsläufig den Sattel zu weit hinten. Besser ist es, leicht vorgeneigt aufzustehen. Der Rumpf soll in sich gerade, aber nicht senkrecht sein, sondern wie beim Joggen auch ein bisschen nach vorn gekippt. Wenn Reiter das erstmals probieren, stellen sie in der Regel schnell einen Unterschied fest: Das Pferd geht viel entspannter und williger vorwärts.
Ein anderes Problem: Viele wissen gar nicht, wie sie ihr Pferd locker bekommen. Wenn ich Reitschüler bitte, jede Hufschlagfigur zu reiten, die sie kennen, und das in jeder Gangart, sind viele nach fünf Minuten fertig. Viel mehr als Zirkel und ganze Bahn kennen manche gar nicht. Dabei werden Pferde durch viele verschiedene Hufschlagfiguren und Lektionen losgelassener, durchlässiger und flinker – auch im Kopf. Klar, dafür muss auch der Reiter sich geistig anstrengen. Da das auf dem Pferd gar nicht so leicht ist, empfehle ich, am besten schon am Vortag zu überlegen, was genau man reiten möchte.

Feine Hilfen: Welche Abfolge von Hufschlagfiguren empfehlen Sie Reitschülern, deren Pferde schlecht über den Rücken gehen?
O’Brien: Anfangs lasse ich durch und aus dem Zirkel wechseln, dann Schlangenlinien mit drei, später mit vier Bögen reiten. Als Steigerung kann man am Scheitelpunkt der Schlangenlinie eine Volte einbauen. Und schließlich kann man auf der Schlangenlinie die Figur einer Acht reiten, indem man auf der Mittellinie jeweils eine Volte rechts und links reitet. Übrigens geht das alles in allen drei Gangarten. Das hängt vom Ausbildungsstand des Reiter-Pferd-Paares ab. Meist lasse ich die Übungen im Trab reiten, fortgeschrittene Reiter galoppieren (an den Wechselpunkten). Auf der Mittellinie können sie dann zum Trab durchparieren, einfache oder fliegende Wechsel reiten. Wichtig ist Abwechslung: Um ein Pferd zu lösen, hilft übrigens auch Klettern im Gelände und Cavalettitraining.

Feine Hilfen: Was ist, wenn das Pferd mental nicht loslässt?
O´Brien: Auch das ist oft eher ein Problem des Reiters. Das Pferd haben Sie schnell beruhigt, mit viel Lob, Streicheln und teilweise auch dem gezielten Einsatz von Futter, um das Kauen anzuregen. Das alles nützt aber nichts, wenn sich der Reiter im Kopf festhält. Oft steckt Angst dahinter. Ich lenke verkrampfte Schüler gern ab. Zum Beispiel frage ich, wie viele Zähne sein Pferd hat oder wie viele Haare der Opa noch besitzt. Die Leute lachen, denken an etwas anderes und die Angst verfliegt. Manchmal lasse ich sie auch eine konkrete Situation in Gedanken erleben. Sie sollen sich vorstellen, im Sessel am Kamin zu sitzen und ein schönes Glas Rotwein in der Hand zu halten. Die meisten entspannen dann auch körperlich schnell, wenn der Kopf mit einer angenehmen Sache beschäftigt ist.

 

Desmond O´Brien … Jahrgang 1962, wurde 1978 als Eleve an der Wiener Hofreitschule angenommen. Nach elf Jahren, in denen er dort als Eleve und Bereiteranwärter seine reiterlichen Fertigkeiten schulte, wechselte er in die Sattlerei der Spanischen Hofreitschule Wien und absolvierte hier die Prüfung zum Sattlermeister. Insgesamt 17 Jahre lang leitete der gebürtige Österreicher die Sattlerei, bis sie im Jahr 2006 geschlossen wurde. Heute lebt er gemeinsam mit seiner Frau Heike, die ebenfalls Sattlermeisterin ist, in Westfalen und vermittelt Schülern in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz Inhalte der klassischen Dressur in den Klassen A bis S.
www.desmondobrien.de
info@desmondobrien.de

Category: Dressur

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