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Die klassische Arbeit an der Hand in der Reha der Pferde

von Betina Braunitzer +++ LESEPROBE aus Feine Hilfen 29 +++

Bei vielen Trainern hat die Arbeit an der Hand bereits einen fixen Platz in der schonenden Ausbildung des Reitpferdes. Bei Betina Braunitzer ist sie außerdem fester Bestandteil ihres Arbeitsalltags als Physiotherapeutin und ein wichtiger Baustein in ihren Rehabilitationsplänen.

Jeder, der sich mit Pferden beschäftigt, wird irgendwann mit durch äußere Einflüsse oder Krankheiten hervorgerufenen Problemen im Bewegungsapparat konfrontiert. So vielseitig die Ursachen solcher Störungen sein können, so vielseitig sind auch ihre Folgen. Erste Symptome können Taktstörungen oder Lahmheiten sein sowie Klemmig oder Schwunglosigkeit bis hin zu Widersetzlichkeiten im Umgang oder beim Reiten. Das Pferd als Flucht- und Beutetier ist ein wahrer Kompensationsweltmeister, und so liegt der Ursprung der Problematik in der Historie des Patienten oft schon weit zurück.

Um einen erfolgversprechenden Rehabilitationsplan zu entwickeln, liegt es in der Verantwortung der Tierärzte, Therapeuten und Trainer sowie aber auch Besitzer, gemeinsam das gesamte Management rund um das betroffene Pferd unter die Lupe zu nehmen: Haltung, Fütterung, Ausrüstung, Hufpflege und natürlich das bisherige Training. Im Idealfall sollte im Vorfeld alles so optimiert worden sein, dass durch die Rehabilitation weitere Folgeschäden vermieden werden können. Eine gute Rehabilitation sollte immer zugleich auch eine Prävention darstellen. Zumeist wird den betroffenen Pferden von ihrem behandelnden Tierarzt während des Heilungsprozesses Bewegungsreduzierung verordnet, die bis zur Boxenruhe reichen kann.

Dies hat für den Bewegungsapparat des Pferdes, das sich in freier Natur beim Weiden täglich mehrere Kilometer bewegt, natürlich weitreichende Folgen. Die Muskulatur baut ab und verkürzt sich, was wiederum zu Kraft-, Koordinations- und Beweglichkeitsverlust führt. Die Reißfestigkeit von Sehnen und Bändern nimmt ab.
Das fasziale Netzwerk verliert an Elastizität, und das Pferd wird steif.
Bei längerer Ruhigstellung kann es sogar zu noch tiefgreifenderen Schäden kommen: Durch zu wenig Bewegung verlangsamt sich der Stoffwechsel. Es kommt zu einer Mangelernährung, unter anderem des Gelenkknorpels, der dadurch degeneriert, oder der Knochen, die einen Festigkeitsverlust erleiden.

Schmerzen

Aufgrund von Schmerzen nehmen erkrankte Pferde Schonhaltungen zur Kompensation ein. Das kann zu muskulären Dysbalancen und einseitigen Überlastungen führen, die später im Bewegungsablauf sichtbar werden. Oft unterschätzt wird auch die hohe psychische Belastung, die das Pferd währenddessen zu ertragen hat.
Schmerzen und Bewegungsentzug gepaart mit Isolation bedeuten für ein Herdentier Stress, der letztendlich zu Verspannungen der Muskulatur und Schäden in den Faszien des Tieres führt. Ist das Pferd so weit genesen, dass der Tierarzt grünes Licht für den Wiederaufbau gibt, sollten sich der die Rehabilitation begleitende Therapeut und der Besitzer zusammentun, um nach genauerer Befundung des Pferdes einen Trainingsplan aufzusetzen. Dieser sollte abgestimmt sein auf die vorausgegangene Erkrankung und den momentanen körperlichen und psychischen Zustand des Pferdes. Beides definiert dessen aktuelle Leistungsfähigkeit. Wichtig dabei ist: Trainingspläne stellen immer nur einen groben Rahmen dar, der immer wieder der Entwicklung des Pferdes angepasst werden muss. Je nach Art und Schwere der Erkrankung kann die Genesung von ein paar Wochen bis zu einem Jahr oder sogar länger dauern. In besonderen Fällen begleiten die Folgen der Erkrankung das Pferd sein Leben lang und müssen beim Training immer berücksichtigt werden.

In den meisten Fällen sieht ein Wiederaufbau eines Reitpferdes wie folgt aus: Zu Beginn wird Schritt geführt. Am besten geradeaus auf ebenem Boden. Nach einiger Zeit beginnt man mit dem Reiten, erst nur im Schritt, dann werden kurze Trabreprisen dazugenommen. Das Reiten geradeaus wird durch das Reiten auf gebogenen Linien ergänzt, bevor schließlich auch der Galopp, die Stangenarbeit und das Reiten im Gelände wieder aufgenommen werden können. Dieser Trainingsplan fördert in erster Linie Kondition und Kraft.

Wie schon angedeutet, kann die durch Krankheit verordnete Auszeit und das damit einhergegangene Bewegungsdefizit noch zu weiteren Problemen führen:

  • Abnahme der Koordinationsfähigkeit, also das Zusammenspiel aller Muskeln (Motorik) und Sinnesorgane (Auge, Ohr, Gleichgewichtsorgan = Sensorik), auch Sensomotorik oder Propriozeption genannt.
  • Verlust der Tragfähigkeit des Reitpferdes. Das Pferd ist aufgrund seiner Konstruktion nur bedingt als Reittier geeignet: damit es den Reiter ohne Schaden tragen kann, bedarf es jahrelangen Trainings.
  • Asymmetrie der Muskulatur durch Kompensation.
  • Psychische Schäden durch Isolation und Unterforderung.
  • Abnahme der Elastizität durch Verklebung der Faszien.

Möchte man also während der Rekonvaleszenz (Lat. wieder stark/kräftig werden) möglichst viele der obengenannten Punkte miteinbeziehen, sollte man einen vielseitigen Trainingsplan entwickeln. In meinem Praxisalltag hat sich hier die Einbeziehung der klassischen Arbeit an der Hand bewährt.
Diese hat auf den ersten Blick vor allem einen großen Vorteil: Sie kommt
ohne Reitergewicht aus. Beschäftigt man sich aber mit der Materie genauer, werden noch weitere Vorteile sichtbar.

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Category: Besondere Themen

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