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Stierkampf – Kulturerbe oder Tierquälerei?

Von Stéphanie Kniest
Würdelose Tierquälerei oder Reitkunst auf höchstem Niveau? Kulturelles Erbe und Tradition oder ausgelebter Sadismus? Es gibt wohl kaum ein Thema, über das schon seit so vielen Jahrhunderten so passioniert debattiert wird wie über den Stierkampf.

Quelle: Shutterstock.com
Pferd und Reiter sind absolut konzentriert. Sie bewegen sich in völliger Harmonie miteinander. Die feine Kommunikation zwischen ihnen wirkt wie telepathisch gesteuert. Leichtfüßig springt der Lusitanohengst Galopppirouetten, -traversalen und fliegende Wechsel, zwischendurch immer wieder ein Mezair vorwärts und rückwärts. Ross und Reiter scheinen förmlich durch die Arena zu schweben, begleitet von dem begeisterten Klatschen und den Zurufen der Zuschauer. Dann kommt der große Augenblick: Mit absoluter Zielsicherheit nähern sich beide der Mittellinie und der stolze Reiter versenkt den letzten Speer im Nacken des Stiers.

Fakten zum berittenen Stierkampf

Heutzutage wird der Stierkampf in Spanien, Portugal, Südfrankreich, Mexiko, Peru, Venezuela und Kolumbien betrieben. Dieser Artikel widmet sich ausschließlich dem berittenen Stierkampf und beschränkt sich auf die Iberische Halbinsel, da die Tradition hier ihren Anfang nahm und eine weltweite Erfassung den Rahmen sprengen würde.
Der Kampf beginnt mit dem feierlichen Einzug der Stierkampftruppen und des Stierkämpfers, dem sogenannten rejoneador. Sobald der Stier in die Arena kommt, versuchen die picadores (Lanzenreiter) dem Stier ihre picas (Lanzen) dreimal in den Nackenmuskel zu stoßen. Ist dies geglückt, werden dem Stier vom Pferderücken aus banderillas (mit Widerhaken und Bändern versehene Spieße) in den blutenden Nacken gesetzt. Erst in der letzten Phase des Kampfes reitet der eigentliche Stierkämpfer ein. Er dirigiert den Stier so, dass er auf möglichst elegante und spektakuläre Art und Weise seinen Angriffen ausweichen kann. Den Schluss bildet das traditionelle Töten des Stiers mit einer Lanze. Jeder Kampf besteht aus mehreren Abschnitten, in denen der Stierkämpfer sein Pferd häufig wechselt.

Jahr für Jahr finden Tausende Tiere in den Stierkampfarenen Spaniens ihren Tod. Die meisten Kämpfe finden in Madrid und Sevilla von April bis September (Hauptsaison) statt. Für viele Nord- und Mitteleuropäer ist die Faszination des Tötens, die dieses Spektakel mit sich bringt, nicht nachvollziehbar. Doch selbst auf der Iberischen Halbinsel, dem Ursprungsgebiet des heutigen Stierkampfs, gab es über die Jahrhunderte viele Diskussionen. Die Stierkämpfe wurden in einzelnen Regionen immer wieder verboten und dann doch wieder erlaubt, je nach persönlicher Einstellung des jeweiligen Herrschers. Diese Uneinigkeit spiegelt sich auch in heutigen Diskussionen wider.

Der Stierkampf als Teil der Kultur

Die Kultur eines Volkes ist eng verbunden mit ihrer Geschichte und ihren Traditionen. Die gemeinsame Vergangenheit verbindet die einzelnen Menschen miteinander und prägt das Handeln und Verhalten in der Gegenwart. Im weitesten Sinne ist Kultur all das, was Menschen selbst hervorgebracht haben. Dies kann entweder materieller oder geistiger Natur sein. Der Stierkampf ist eine von den Menschen erschaffene Praxis und kann auf eine lange Geschichte zurückblicken.

Die meisten Quellen datieren den Anfang der heutigen Stierkämpfe auf das 18. Jahrhundert und sehen eine starke Verbindung zu altertümlichen Volksfesten und Ritterturnieren, in denen die Fähigkeiten im Waffengebrauch mutiger Männer durch eine Konfrontation mit einem starken Tier vorgeführt worden sind. Den Stierkampf gab es allerdings schon im alten Rom. Mit dem Einzug der Mauren im Jahr 711 auf die Iberische Halbinsel wurde er verfeinert und fand zur heutigen Form.

Der Stierkampf kann also auf eine lange Geschichte zurückblicken und hat vor allem die Völker auf der Iberischen Halbinsel über viele Jahrhunderte begleitet. Es ist nicht verwunderlich, dass Spanien, das sich als Ursprungsland des heutigen Stierkampfs sieht, diese jahrhundertealte Tradition unter einen besonderen Schutz stellen lassen wollte, vor allem als Katalonien den Stierkampf 2012 verbot. Tatsächlich wurde der Stierkampf in Spanien zum „immateriellen Kulturgut“ erklärt und gehört somit offiziell zum historischen und kulturellen Erbe Spaniens. Unter dem Begriff immaterielles Kulturerbe werden lebendige kulturelle Ausdrucksformen verstanden, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen werden. Diese Anerkennung ist allerdings vielmehr eine symbolische Geste, da sie so gut wie keine praktischen Konsequenzen nach sich zieht. Allerdings ist sie eine Voraussetzung, um auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes eingetragen zu werden. Ein Eintrag auf diese Liste würde den Stierkampf schützen, denn eine Abschaffung würde dann als Verstoß gegen völkerrechtliche Verträge angesehen werden.
Den Stierkampf mit Geschichte, Tradition und Kultur zu begründen, ist also realitätsnah.

Die Kunst im Stierkampf

In vielen Diskussionen zum Stierkampf wird auf vielseitige Art und Weise immer wieder das Argument der Kunst aufgegriffen. Zum einen soll der Stierkampf an sich eine Kunstform darstellen, die Analogie einer Tragödie sein, den Konflikt zwischen Mensch und Bestie darstellen und die Überlegenheit des Menschen über die Natur zeigen.

Für den Exstierkämpfer und bekannten Reiter und Ausbilder Manuel Jorge de Oliveira, einer der zehn besten Stierkämpfer Portugals aller Zeiten, symbolisiert der Stierkampf das Überleben, die Unsterblichkeit der Seele und die eigene Ewigkeit. Zum anderen ist der Stierkampf Muse und Inspiration für viele Künstler. In der Malerei, der Bildhauerei, der Musik, in Tanz, Film und Literatur bietet der Stierkampf eine Quelle der Inspiration.

Ein weiterer Aspekt im berittenen Stierkampf ist die Reitkunst. Sie entwickelte sich aus der Gebrauchsreiterei und war stark an den Bedürfnissen der berittenen Kriegsführung – genauer: des berittenen Nahkampfes – ausgerichtet. Nur wer ein gut ausgebildetes Pferd hatte und es zu führen wusste, konnte auf dem Schlachtfeld überleben. Im Lauf der Zeit ging die Notwendigkeit der Gebrauchsreiterei und damit der praktische Sinn und Zweck der Hohen Schule verloren. Die Reitkunst als notweniges Mittel zum Überleben im Kampf gibt es in dieser Form nur noch beim Stierkampf, denn auch dort kann jede noch so kleine Fehlreaktion zu Verwundung oder gar Tod führen. Trotzdem hat die Reiterei eine Leichtigkeit, die anderswo nicht mehr häufig angetroffen wird. Es scheint fast so, als lese das Pferd die Gedanken des Reiters, noch ehe er diese überhaupt gedacht hat. Strebt man in der Reitkunst nicht genau danach?

Doch selbst wenn im Stierkampf die Kunst auf so vielfältige Art und Weise vorhanden ist, rechtfertigt dies den Schmerz und den Tod eines Lebewesens?

Der Stierkampf als wichtiger Wirtschaftsfaktor

Für viele Städte ist der Stierkampf ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Touristenmagnet. Das Geschäft mit der Tradition ist lukrativ. Auch andere große Wirtschaftszweige schließen sich an. So sind zum Beispiel die portugiesische Pferde- und Rinderzucht eng mit dem Stierkampf verbunden.
Mit der schweren Wirtschaftskrise in Spanien und Portugal fehlte in den letzen Jahren oftmals das Geld, um einen Stierkampf zu veranstalten oder ihm beizuwohnen. Dies verringerte die Zahl der Stierkämpfe drastisch. Auch bedeutete das wohl das Aus für einige Züchter, die ihr Geld mit der Produktion von Tieren für den Stierkampf verdienten. Die wirtschaftliche Krise kann aber nicht allein verantwortlich gemacht werden für das abnehmende Interesse am Stierkampf, denn es gab schon vorher eine deutliche Tendenz in diese Richtung. Zahlreiche Umfragen ergaben, dass die Zahl der Stierkampfinteressierten stark zurückgeht.

 Der Aspekt der Tierquälerei im Stierkampf

Für viele Menschen, und vor allem die Tierschützer, ist der Stierkampf eine Barbarei, die Akteure sind Tierquäler und die Zuschauer Sadisten. Schaut man sich den Umgang mit den Tieren an, sind diese Argumente nachvollziehbar.

Wenn es um das Tierleid beim Stierkampf geht, kommt einem wahrscheinlich als Erstes der Stier in den Sinn. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass sein Leiden erst in der Arena beginnt. Die Website www.animalia-tierschutz.de/stierkampf.php verweist aber auf tierquälerische Praktiken, die bereits vor dem Kampf Anwendung finden können: Um eine gute Mischung aus Schwächung und Reizung des Tiers sicherzustellen, wird dem Stier etwa zwei Tage vor Kampfbeginn die Atmung durch Verstopfen der Nüstern erschwert und es darf weder fressen noch trinken. Am Tag des Kampfes wird der Stier weiter gepeinigt (etwa durch Nadelstiche in die Hoden, Schläge auf die Nieren, Terpentin auf Fesseln und Ohren, Vaseline in die Augen, Abschleifen der empfindlichen Hörner). So präpariert kann der ungleiche Kampf beginnen. Im Kampf selbst werden dem Stier dann in regelmäßigen Abständen Lanzen und Speere in den Nacken gestoßen, bis dieser so erschöpft ist, dass der Reiter ihm den finalen Dolchstoß versetzen kann. Wenn der Stier Glück hat, erwischt der Reiter das Herz des Tiers, sodass es von den Qualen schnell erlöst wird.

Das Pferd wird beim Thema Tierquälerei oft außer Acht gelassen. Doch auch die Pferde werden oft schwer verletzt und/oder verlassen die Arena traumatisiert. Im Stierkampf wird das Pferd entweder als Lanzenreiter- oder als „Torero“-Pferd genutzt. Die Aufgabe des Lanzenpferds war vor allem während des 18. und 19. Jahrhunderts eine sehr blutige Angelegenheit (nicht selten gab es schlimme Bauchverletzungen). Um den hohen Verschleiß der Lanzenpferde zu reduzieren, wurden das Anlegen von Schutzpanzern und ein vorbereitendes Training der Tiere beschlossen. Trotzdem gab und gibt es noch Verletzungen und tödliche Unfälle. Unter Tierquälerei könnte auch der Aspekt fallen, dass einigen Lanzenpferden die Augen verbunden und manchmal die Ohren zugebunden werden. Diese Beraubung der Sinne setzt die Tiere unter Stress und macht sie völlig hilflos.

Das Torero-Pferd genoss im Gegensatz zum Lanzenpferd schon immer eine gute Ausbildung. Allerdings gibt es keine Schutzpanzer für diese Pferde, da dies deren überlebenswichtige Wendigkeit und Geschwindigkeit zu stark behindern würde. Wenn der Stier das Pferd trifft, sind schwere Wunden die Folge, an denen so manches Pferd stirbt.

Unbestreitbar ist außerdem, dass viele der Tiere, die für den Stierkampf genutzt werden, mit fragwürdigen Mitteln dazu gebracht werden, sich auf die gewünschte Art und Weise zu verhalten. Wäre der Stier so aggressiv, wenn er vorher nicht gequält würde? Würde sich das Lanzenpferd auch ohne Augenbinde und zugeschnürte Ohren als Reizmittel für den Stier anbieten? Fakt ist: Die Methoden sind teilweise brutal und viele Tiere müssen das Spektakel mit ihrem Leben bezahlen.

Ein paar Anregungen zum Schluss

Wo das Tierleid doch auf der Hand liegt, fragt man sich, worüber überhaupt diskutiert wird. Ist es tatsächlich so, dass die Bewahrung eines Kulturguts das Quälen von Lebewesen rechtfertigt? Sollte so eine blutige Tradition überhaupt als immaterielles Kulturgut des 21. Jahrhunderts angesehen werden dürfen, oder sollte es besser in der Vergangenheit ruhen? Die Fragen, die wir uns stellen sollten: Was würden wir gewinnen, wenn der Stierkampf weltweit komplett verboten würde? Und: Was würde alles verloren gehen? Was passiert beispielsweise mit der praktisch angewandten Reitkunst? Brauchen wir vielleicht sogar den berittenen Stierkampf, um diese Tradition in ihrer ursprünglichsten Form (den Kampf um Leben und Tod) zu erhalten?

 

Dieser Meinungsbeitrag stammt aus Feine Hilfen Ausgabe 7. Was meinen Sie? Hinterlassen Sie einen Kommentar unter dem Beitrag oder schreiben Sie uns unter redaktion@feinehilfen.com!

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Category: Besondere Themen, Dressur

Comments (8)

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  1. Dr. Hans-Walter Dörr sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    die Fakten zum Ablauf eines Rejoneo sind kläglich falsch. Der Autor hat offensichtlich keinen einzigen Kampf gesehen. Schade!

    Ich empfehle TV, andalucia, canal sur, Toros paar todos von Enrique Romero.

    Hochachtungsvoll

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