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Zirkuslektionen Quo Vadis?

von Sylvia Czarnecki +++ LESEPROBE aus Feine Hilfen 30 +++

Die Dressur ist für das Pferd da – diese These hat jeder Reiter schon gehört.
Sie beschreibt die Qualität von Training und ruft in Erinnerung, dass Dressur dem Pferd zu physischer und mentaler Balance verhilft, es stärker, schöner und selbst­bewusster macht und Pferd und Mensch zu einer Einheit verbinden sollte.
Was für die klassische Dressur zutrifft und aus einer Zeit stammt, in der Reiten noch  mehr Kunst als massenkonformer Wettbewerb war, wird leider allzu oft, insbesondere wenn es um das Erlernen von Zirkuslektionen und Tricks geht, vernachlässigt, sodass
es Zeit ist, auch hier einmal einen kritischen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

In den letzten 15 Jahren haben wir uns in puncto Pferdeausbildung und Trainingsmethoden stark weiterentwickelt. Mit dem wachsenden Interesse an Alternativen zum Reiten, entstand auch eine große Vielfalt an Möglichkeiten, sein Pferd anderweitig zu beschäftigen, statt „nur“ zu reiten. Heute beherrschen viele Pferde unterschiedlichste Lektionen, die zu früheren Zeiten mangels Kenntnis nur wenigen Menschen vorbehalten waren. Dabei ist es nicht einfach, die Begriffe Dressur und Zirkuslektionen voneinander abzugrenzen und eine klare Differenzierung zu schaffen. Denn letzten Endes sind auch Zirkuslektionen und Co nur „Verhalten“, das mittels Konditionierung auf Reize abrufbar gemacht wird, wie die klassischen Dressurlektionen auch, während der Mensch oftmals eine andere Vorstellung davon im Kopf hat.

So wird nicht selten abwertend von „Pudeldressur“ gesprochen, welche lediglich den Zweck hat, den Trainer gut dastehen lassen und das Publikum zu unterhalten. Als klassische Zirkuslektionen „zu Boden“ bezeichnet man hierbei in der Regel die Verbeugung und das Kompliment, bei dem sich das Pferd mit gestrecktem oder einem angewinkelten Vorderbein zu Boden lässt, das Knien, bei dem das Pferd sich auf beiden angewinkelten Vorderbeinen niederlässt, das aufrechte und flache Liegen, das Sitzen und die Bergziege, bei der das Pferd beide Beinpaare aneinanderstellt, als ob es auf einem Berg stünde. Die klassischen Zirkuslektionen nach „oben“ sind der Spanische Gruß, also das Stehen mit einem an die Waagerechte gehobenen Vorderbein, der Spanische Schritt, der Spanische Trab und das Steigen in unterschiedlichen Varianten. Hierzu gesellen sich Tricks in allerlei Varianten, wie z. B. das Apportieren, das Gähnen und Flehmen auf Abruf, Beine kreuzen und oder auch anspruchsvollere Verhalten wie das Unterscheiden von Farben oder Formen.

Würde ich eine Differenzierung schaffen wollen, würde ich unter Zirkuslektionen Verhalten zusammenfassen, die für sich allein gelehrt werden und früher und teils auch noch heute für die Zurschaustellung des Pferdes gedacht waren. Der Großteil, insbesondere die klassischen Zirkuslektionen, ist dabei keine reine Kunstform, sondern aus dem natürlichen Verhalten des Pferdes abgeleitet und so keineswegs unnatürlich, wie so häufig behauptet wird.

Zirkuslektionen nicht zum Selbstzweck

Natürlich sollte auch das Erlernen von Zirkuslektionen in einen sinnvollen Trainingskontext gesetzt werden und auf einem kleinschrittigen Prozess aufbauen. Dennoch sind sie oft nicht das Ergebnis langjähriger Ausbildung, wie es zum Beispiel bei der klassischen Piaffe oder der Levade der Fall ist, sondern werden gezielt für sich allein trainiert. Hier wird auch klar, dass sich der Begriff der Zirkuslektionen nicht nur auf die oben genannten Verhalten beschränkt, sondern letztlich auf viele weitere Verhalten angewendet werden kann.

So würde ich auch einige Lektionen aus der Freiheitsdressur durchaus als Zirkuslektion bezeichnen, wenn diese zum Selbstzweck trainiert werden. Hierunter fallen für mich beispielsweise Lektionen wie schnelle Sprünge von einem Vorderbein auf das andere, enges Kreiseln um den Menschen oder auch verschiedene Formen von ursprünglichen Lektionen der Hohen Schule – wie „Terre à Terre“, die „Schulparade / der Schulhalt“ oder sogar die Piaffe –, die ebenfalls losgelöst als „Trick“ trainiert werden können. Und genau hier trennt sich die sprichwörtliche Spreu vom Weizen und fangen die Probleme an. In Zeiten von Social Media, in denen jeder die Möglichkeit nutzt, seine Freude an schönen Bildern mit anderen zu teilen und Trainer die Nachfrage bedienen, verschieben sich allmählich die ursprünglichen Werte, auf denen die Ausbildung begründet ist.

„Höher, schneller, weiter“ hält auch hier Einzug. Immer spektakulärer sollen die Lektionen sein, viel Action und möglichst alles frei, am besten auch frei außerhalb von Zäunen, damit es authentisch und noch vertrauensvoller wirkt. Da werden Ponys in Cabrios gesetzt, Pferde auf den Rücken gedreht oder von einem Bein aufs andere gehetzt, um Anerkennung zu erhalten und ein Stück der Freiheit für sich zu beanspruchen. Es stellt sich die Frage, ob es bei dieser Form des Trainings tatsächlich noch um das Pferd geht oder eher um die persönlichen Ziele und den Erfolg eines Menschen und manchmal natürlich auch ums Geld. Hier unterscheidet sich diese Form des Pferdetrainings leider kaum noch von manchen Auswüchsen des „Reit-sports“ in anderen Bereichen, was ich persönlich sehr schade finde, wenn wir bedenken, dass gerade die Boden- und Freiarbeit ihren Einzug in die Freizeitreiterei gefunden hat, weil der Mensch sich davon eine bessere Beziehung zum Pferd erhoffte. Sicherlich setzt es einiges an Training voraus, ein Pferd zu solchen Leistungen zu bringen, doch wird dabei oft vergessen, dass „das Pferd fragen“ nicht unbedingt auch heißt, dass der Mensch an einer ehrlichen Rückmeldung interessiert ist oder das Pferd die Möglichkeit zur Meinungsäußerung hat.

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Category: Dressur

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